Eisbären

Eisbären – wir haben euch Lieb(sch)!

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Es war alles angerichtet für ein echtes Spitzenspiel am Freitag in der Kolbenschmidt-Arena zu Heilbronn. Auf der einen Seite die ungeschlagenen Eisbären – auf der anderen Seite die nach sechs siegreichen Partien in Folge mit breiter Brust angereisten Baden Rhinos aus Hügelsheim. Und das Tempo hielt über weite Strecken, was es versprach. Allein, aus dem Duell der Top-Sturmreihen der Liga wurde nichts, da auf Heilbronner Seite Manuel Weibler und Axel Hackert, die derzeit wohl besten Eisbären, unpässlich waren.
Umso mehr verwundert es, dass die Käthchenstädter erneut einen Kantersieg feiern konnten. Zum 5. Mal in dieser Saison wurde es zweistellig. Gleich mit 10:3 (2:2/5:1/3:0)-Toren wurden die Badener auf eine sicherlich ungemütliche Heimreise geschickt, während auf Eisbären-Seite die weiße Weste auch nach zwei Dritteln der Hauptrunde in der Regionalliga Südwest weiter Bestand hat – 14 Spiele – 42 Punkte – Spitzenreiter. Überragender Spieler: Milan Liebsch mit fünf Treffern. Nur der Torpfosten verhinderte das sechste Tor der Nummer 88, und damit einen alleinigen Vereinsrekord.
Das erste Drittel allerdings sah als Fazit noch leichte Vorteile für die Gäste. „Das, was wir dort abgeliefert haben, ging gar nicht“, monierte Heim-Trainer Kai Sellers. „Da gab es eine klare Kabinenansprache“. Sellers misfiel vor allem der zwischenzeitliche Ausgleichstreffer der Rhinos zum 1:1 in Minute 7, als die Bären-Verteidigung zu weit aufgerückt war, was für die pfeilschnellen Hügelsheimer Stürmer ein gefundenes Fressen war. Cedrick Duhamel schickte Dennis Walther auf die Reise, und dieser ließ sich nicht lange bitten. Zwei Mnuten zuvor verwertete Milan Liebsch nach einem Hensel-Schuss einen Abpraller zur erstmaligen Führung der Hausherren.
Der Ausgleichstreffer jedoch war das Startsignal für eine wahre Nashorn-Stampede der Gäste. Duhamel scheiterte noch mit einer doppelten Rückhand-Chance an Tobias Amon im Eisbären-Gehäuse (11.), doch nur eine Minute später nahm der Franko-Kanadier genau Maß zwischen die Beine eines Verteidigers und hämmerte den Puck in die Maschen. Anstatt dass die Führung den Gästen nun aber Flügel verschaffte, zogen diese sich völlig unverständlich zurück und überließen den Unterländern wieder das Heft des Handelns. Der reaktivierte Hansi Becker, der sein erstes Saisonspiel für die Eisbären bestritt, traf in Minute 17 noch den Pfosten, doch einen Pass von Dominique Hensel verwertete Milan Liebsch nur Sekunden später aus spitzem Winkel zum 2:2. Zwei weitere gute Möglichkeiten für Dennis Walther und Cedrick Duhamel unterstrichen dennoch die leichten Spielvorteile der Gäste in Abschnitt Nummer 1.
Wie auch immer, Kai Sellers´ Kabinenansprache hat gefruchtet. Benjamin Brozicek kam direkt von der Strafbank, und konnte von Mathieu Fleury nur durch ein Foul gebremst werden – es sollte nicht die letzte Undiszipliniertheit des Ex-Eisbären bleiben. Die folgende Überzahl brachte den Eisbären das 3:2. Heiko Vogler passte auf Milan Liebsch. Liebsch zog ab, und das bedeutete in diesem Spiel meistens ein Tor – 3:2 (23.). Nur eine Minute später scheiterte Marc Oppenländer per Alleingang an Gäste-Keeper Sebastian Trenholm, machte dies aber nur Momente später mit dem Tor zum 4:2 wieder gut. Haiko Hirsch (der später mit Leistenproblemen passen musste), hatte vorbereitet. Nach einem weiteren Hochkaräter durch Duhamel – der Mann hatte heute einfach kein Schussglück – ließ Milan Liebsch in Minute 28 aus halbrechter Position einen Verlegenheitsschuss in Richtung Trenholm los, der völlig überraschend patzte. Das 5:2 war bereits der 4. Liebsch-Treffer an diesem Abend. Christian Böcherer vergab eine Zeigerumdrehung später eine 100-Prozentige für die Gäste, die in der 30. Minute allerdings wieder herankamen. Mathieu Fleury bugsierte den Puck durch die Schoner von Tobias Amon.
Es folgte der Auftritt von Sascha Bernhardt (zu seiner Person später noch mehr), der in Minute 33 zunächst scheiterte, dann aber einen präzisen Schuss durch Adrian Kolar unhaltbar abfälschte – 6:3. Nachdem wenig später Heiko Vogler und Sascha Bernhardt auf die Strafbank mussten, und Hügelsheim 83 Sekunden mit doppelter Überzahl agieren konnte, nahm das Schusspech der Rhinos fast dramatische Ausmaße an. Zunächst hämmerte Cedrick Duhamel die Scheibe an den Pfosten, Sekunden später tat es ihm Mathieu Fleury gleich (37.). Wer weiß, möglicherweise hätte das Spiel in dieser Situation eine Wende erfahren können. Verbuchen wir es als Glück des Tüchtigen. Jenes Glück war dann in Minute 40 den Eisbären ganz besonders hold. Aber im Angriff. Daniel Brendle legte auf Benjamin Brozicek, was ein unübersichtliches Getümmel vor dem Gäste-Gehäuse zur Folge hatte. Der Pfosten muss auch irgendwie im Spiel gewesen sein, jedenfalls passte Marc Oppenländer die Scheibe von hinter dem Tor vor – tja, und plötzlich pfiff der Unparteiische zum 7:3. War die Scheibe hinter der Linie? Eher nein.
Für das letzte Drittel wechselten die Rhinos den Torhüter. Anton Lukin stand nun zwischen den Pfosten und fing auch gleich den ersten Schuss von Dominique Hensel. Dass er diesen jedoch nach einer kurzen Verweildauer wieder fallen ließ, konnte keiner ahnen. Keiner – außer Milan Liebsch natürlich, der für seinen fünften Treffer nur noch einzuschieben brauchte (41.). Das Spiel war jetzt natürlich gelaufen, der Wille der Gäste gebrochen, und Milan Liebsch wollte unbedingt seinen sechsten Treffer, um Sascha Bernhardts Vereinsrekord zu brechen. In Minute 48 schoss „Milli“ knapp drüber, in der 52. stand Lukin im Weg und in Minute 55 der Pfosten. Dafür traf Erich Singaitis in Minute 53 bei doppelter Überzahl zum 9:3, eine Minute später machte Benjamin Brozicek bei 5 gegen 4 die 10 voll. Auslöser der Überzahl war eine 5+Spieldauer (Ellenbogencheck) + 2 (Spielverzögerung)-Minuten-Strafe gegen Mathieu Fleury. Eine Riesen-Chance von Hansi Becker Sekunden vor Schluss besiegelte die Partie, die die Eisbären vielleicht mit zwei Toren zu hoch gewannen. Alles in allem geht der Sieg nach der klaren Steigerung ab dem 2. Drittel aber natürlich in Ordnung.
Milan Liebschs überragende Leistung war am Ende also nicht mit dem Aufstellen des alleinigen Vereinsrekords belohnt worden. Dies wäre allerdings auch unpassend gewesen, denn der bisherige Rekordhalter, Eisbären-Urgestein Sascha Bernhardt, erklärte auf der anschließenden Pressekonferenz seinen Rücktritt zum Saisonende. „Ich bin hier fast schon der Opa im Team, und mit der Schnelligkeit ist es auch nicht mehr wie früher“, lamentierte „Barny“ zunächst mit ironischem Unterton, um dann aber völlig ernst hinzuzufügen: „Wir wünschen uns diese Saison alle den Titel, und werden ihn auch holen.“
Bei solch klaren Ansagen konnte sich Kai Sellers der von PK-Moderator Hagen Merz gestellten „O-Frage“ nicht mehr entziehen. „Was einen möglichen Aufstieg in die Oberliga angeht, müssen wir schauen, was sportpolitisch möglich ist.“ Sellers ging allerdings klar darauf ein, dass zunächst das sportliche Ziel, der Meistertitel in der Regionalliga Südwest, eingefahren werden muss. Das wird schließlich schwer genug.
Dem Fehlen der beiden Top-Stürmer Manuel Weibler und Axel Hackert konnte Sellers Positives abgewinnen. „Ich bin froh, wie es gekommen ist. Die Frage vor dem Spiel war: Wie gut sind wir ohne diese absoluten Führungsspieler?“ Die Antwort lautet: Bärenstark. Und wenn beide zur kommenden Auswärtspartie beim Tabellenzweiten aus Stuttgart (Freitag, 14. Dezember, 20 Uhr, Eiswelt) hoffentlich wieder dabei sind, dann steht auch einem zweiten Triumph im Rahmen des Spitzenspiels in Degerloch nichts im Wege. Das nächste Eisbären-Heimspiel findet am Dreikönigstag, Sonntag, 6. Januar 2013 (19 Uhr, Kolbenschmidt-Arena), statt. Gegner sind die Fire Wings aus Schwenningen.
(Klaus Drienko)